LILI BOULANGER (1893-1918)

Lange stand sie im Schatten ihrer großen Schwester und Lehrerin unzähliger Komponistinnen und Komponisten dieses Jahrhunderts, Nadia Boulanger.

Lili Juliette Marie Olga Boulanger wurde sechs Jahre später, 1893 in Paris geboren und entstammte ebenso wie Nadia einer Familie, die das Pariser Musikleben seit dem 18.Jahrhundert nachhaltig bestimmt hat: Ihr Großvater war ein anerkannter Cellist, ihre Großmutter eine berühmte Sopranistin. Ihre Mutter, eine russische Prinzessin, war Sängerin, der Vater Komponist (Prix de Rome 1835). Wegen ihres schwachen Gesundheitszustandes wurde sie nur unregelmäßig unterrichtet – zunächst von Nadia, dann bei Fauré und Vidal am Konservatorium –, hatte aber schon früh erste Auftritte als Pianistin und Geigerin (wobei sie ihr Lehrer Gabriel Fauré bei Hausmusikabenden begleitete).

1912 debütierte sie mit dem Vokalquartett "Renouveau", von der Kritik als Sensation aufgenommen. Dadurch ermutigt, nahm sie 1912 und 1913 am Wettbewerb Prix de Rome teil. Sie gewann mit Überlegenheit gegen alle männlichen Konkurrenten als erste Frau den Premier Prix de Rome mit ihrer Kantate "Faust et Hélène" und wurde über Nacht weltberühmt. Der Aufenthalt in der Villa Medici in Rom war künstlerisch sehr befruchtend für sie; dort schrieb sie ihren berühmten Gesangszyklus "Clairières dans le ciel". Ihre Gesundheit zwang sie bald zur Rückkehr nach Paris, und dort komponierte sie kontinuierlich im Bewußtsein des nahen Todes. Es entstanden weitere Vokalwerke, bei einem zweiten Rom-Aufenthalt auch die großen Psalmen "La terre appartient à l'Eternel" und "Ils m'ont opprimé". Das große Maeterlinck-Drama "Princesse Maleine" blieb unvollendet.

Lili Boulanger starb im Alter von 24 Jahren im letzten Jahr des ersten Weltkriegs.