Der Bauch erfindet, der Kopf filtert
Die Australierin Elena Kats-Chernin komponiert ein Stück für Oberstdorfer Musiksommer
Von unserem Redaktionsmitglied Klaus-Peter Mayr | Allgäuer Zeitung, Rundschau-Kultur, 23. Juli 2004
Obersdorf, Sydney
„Komponieren“, sagt Elena Kats-Chernin, „ist eine einsame Arbeit.“ Deswegen sucht sie, wann immer es geht, den Kontakt mit den Musikern, für die sie schreibt. Bei ihrem jüngsten Projekt war das nicht einfach. Denn Elena Kats-Chernin lebt bei Sydney in Australien, während die Musiker in Bergisch-Gladbach beheimatet sind. Jetzt haben sich Christiane Meininger, Chefin und Flötistin des Meininger Trios und die australische Komponistin in Bregenz getroffen, um das zwölfminütige Stück mit den: Titel „Farben des Meeres“ miteinander zu besprechen.
Dass das Stück geschrieben wurde und die beiden Frauen sich treffen konnten, verdanken sie dem Oberstdorfer Musiksommer. Erstmals hat das Klassik-Festival, das am kommenden Donnerstag startet und bis 19. August dauert, einen Komposltionsauftrag vergeben. Ein wesentlicher Grund ist die Öffnung des Konzertreigens für moderne und zeitgenössische Musik.
Die Idee für ein Stück aber haben Kats-Chernin und Meininger schon vor längerer Zeit besprochen. „Sie schreibt phänomenale Musik“, sagt die Musikerin Meininger über die australische Komponistin. Sie ist auf Kats-Chernin gestoßen, als sie Werke suchte für ihr Trio, das in der nicht alltäglichen Besetzung Flöte/CeIIo/Klavier auftritt.
Meininger baut in klassisch-romantische Programme gerne Zeitgenössisches ein. Doch mit der deutschen Avantgarde kann sie wenig anfangen. Vielmehr liebt sie den amerikanischen Trend, nämlich nicht so sehr verkopfte, sondern emotionale, romantische Musik zu schreiben‚ die gut hörbar ist. „Ich will, dass die Musik dem Publikum gefällt.“
Das ist genau das, was auch Elena Kats-Chernin gefällt. Zwar hat sie bei Ihrem Studium in Deutschand in den 80-er Jahren die deutschen und europäischen Varianten der Avantgarde intensiv kennen gelernt. „Verkrampft“ sei da vieles, sagt sie. Ihre Musik dagegen, die sich fast ausschießlich im tonaler Bereich beweg, sei sehr gefühlsbetont, mit vielen überraschenden Wendungen und oft collagenastig, einfach, aber nicht naiv oder konventionell. Ihre Ideenfindung beschreibt sie so: „Das Grundsätzliche kommt aus dem Bauch und wird im Kopf gefiltert.“
Ein erfolgreiches Rezept. In Australien ist die 47-Jährige mit den tief-schwarzen Haaren und den braunen Augen zur bekanntesten Komponistin aufgestiegen. Sie schreibt für renommierte Ensembles und Orchester, im Radio ist sie täglich mit der Erkennungsmelodie zu einer Talksendung vertreten. Längst kann sie vom Komponieren leben und schreiben, wozu sie Lust hat. „Das ist großartig“ sagt sie und gibt gleichzeitig zu, dass sie, die jeden Tag am Klavier sitzt und mehrere Stunden Melodien, Harmonien und Rhythmen erfindet, immer wieder Angst bekommt, dass ihr nichts mehr einfällt.
In Russland aufgewachsen
In ihre Musik fließt ein bewegtes Leben ein. Geboren ist Elena Kats-Chernin‘ die jüdische Vorfahren hat, in Usbekistan, aufgewachsen In Russland. Früh galt sie als Wunderkind am Klavier. Schon als Kind komponierte sie. Als sie 17 war, wanderten ihre Eltern nach Australien aus. Später studierte und lebte sie in Deutschland, gebar drei Söhne, zog sie allein auf. Seit 1994 Ist sie wieder in Australien.
Nun reiste sie für zehn Tage nach Bregenz (wo ihr Lebensgefährte, ein Berliner, als Lichtdesigner für die Festspiele arbeitet), hat sich mit Christiane Meininger getroffen und den letzten Schliff vorgenommen an den „Farben des Meeres“ Es hätte, so sagt sie, auch ein Urlaub werden können, der erste seit 20 Jahren. Doch die Leidenschaft Komponieren lässt sie kaum eine Minute los. Jeden Tag ist sie ins Festspielhaus gegangen, wo Klaviere stehen. ,,Ich muss immer Musik machen, denn ich habe Angst, mein Gehirn könnte sonst schrumpfen.“