DAS WALROSS UND DER ZIMMERMANN
aus Lewis Carroll – Alice behind the mirrors
Übersetzung: Christian Enzensberger
I Die Sonne schien auf’s Meer herab,
Sie schien mit aller Macht;
Gab sich die allergrößte Müh,
Daß sie das Meer zum Glitzern bracht‘
Und das war seltsam, denn es war
Schon kurz nach Mitternacht.
Der Mond sah dieses gar nicht gern:
Die Sonne, wie ihm deuchte,
Die habe sich hinwegzuscher’n,
Wenn man sie nicht mehr bräuchte.
„Das ist doch keine Art!“ sprach er,
„Wo ich doch hier schon leuchte!“
Das Meer war nässer noch als naß,
Der Sand wars weniger,
Kein Wölkchen stand am Himmel, denn
Die Nacht war wolkenleer.
Kein Vögelchen flog drüber hin,
Denn es flog keines her.
II Das Walroß und der Zimmermann
Spazierten hier am Strand
Und weinten herzlich über den
Entsetzlich vielen Sand:
„O weh und ach!“ so seufzten sie,
„Der Sand nimmt überhand!“
„Wenn sieben Mägde sieben Jahr
Hier täglich siebenmal kehren,
Ob sie dann wohl,“, das Walroß sprach,
„Den Strand vom Sand entleeren?“
„Wohl schwerlich“, sprach der Zimmermann
Und weinte heiße Zähren.
„Ihr Austern, kommt!“ das Walroß rief,
„Wollt ihr uns nicht begleiten?
Und unter traulichem Gespräch
Mit uns am Strande schreiten?
Doch höchstens vier! Mehr können wir
Nicht an der Hand geleiten.“
Die Austernmutter schaute auf
Und schloß das Auge stumm
Und klappte ihre Schalen zu,
Das machte leise „Schrumm!“
Und hieß: „Fort von der Muschelbank?
Da wäre ich ja dumm!“
Vier Austernkinder aber schrien
Gar eifrig im Vereine:
„Den Hals geschrubbt! Den Mantel her!
Die Schuhe blank und reine!“
Und das war gleichfalls seltsam,
denn Sie hatten keine Beine.
Schon folgten ihnen weitre vier,
Und vier noch hinterdrein
Und hinter ihnen wieder vier
Und vier und vier in Viererreihn –
So wimmelte es aufs Ufer zu
Über Schaum und Stock und Stein |
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III Das Walroß und der Zimmermann
Spürten des Weges Mühn
Und machten Rast bei einem Stein,
Der ihnen passend schien;
Die Austern aber liefen nach
Und drängten um sie hin.
„Die Zeit ist reif“, das Walroß sprach,
„Von mancherlei zu reden –
Von Schuhen – Schiffen – Siegellack,
Von Königen und Zibeben –
Warum das Meer kocht, und ob wohl
Die Schweine manchmal schweben.“
„Halt ein!“ so schrie die Austernschar,
„Eilt das Gespräch denn so?
Das Laufen hat uns angestrengt,
Und wir sind zart und roh!“
„Pressiert nicht!“ sprach der Zimmermann.
Da war’n sie herzlich froh.
„Einen Laib Brot“, das Walroß sprach,
„Muß man als erstes haben;
Pfeffer und scharfen
Essig dann, zwei wahre Gottesgaben! –
Und somit, wenn ihr fertig seid,
Dann woll’n wir uns jetzt laben.“
„Doch nicht an uns!“
Schrien sie im Chor,
Und ihr Gesicht warf bläulich,
„Das wäre nach soviel Freundlichkeit
Doch durch und durch abscheulich!“
„Die Nacht ist lau“, das Walroß sprach,
„Nicht wahr? Das ist erfreulich.“
IV „Wie gut ihr seid! Wie wohl mir wird
In Eurer lieben Mitte!“
Der Zimmermann bemerkte nur:
„Gib mir noch eine Schnitte –
Es ist nun schon das dritte Mal, daß ich dich darum bitte!“
„Es wirkt beinah“, das Walroß sprach
„Wie ein recht übler Streich;
Die Kleinen sind vom langen Gehen
Ja immer noch ganz bleich!“
Der Zimmermann bemerkte nur:
„Die Butter ist zu weich.“
„Ihr dauert mich“, das Walroß sprach,
„Ich kenne eure Qualen.“
Und suchte dabei schluchzend aus
Die mit den größten Schalen
Und führt‘ das Taschentuch ans Aug
Zu wiederholten Malen.
„Ihr Austern“, sprach der Zimmermann,
„Nun machet alle kehrt,
Denn jetzt wird’s für den Heimweg Zeit!“
Doch hat sich keine drum geschert –
Und das war gar nicht seltsam, denn
Sie war’n allsamt verzehrt. |